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Leidensgeschichte mit Operndramatik

Allgemeine Zeitung Mainz - Dienstag, 15. April 2003

Ungewöhnliche Interpretation der Bach'schen Johannespassion in St. Bonifaz

„Behüte Gott, Ihr Kinder! Ist es doch, als ob man in einer Opera-Comödie wäre.” Mit diesen Worten beurteilte eine „alte Adeliche Witwe” zu Beginn des 18. Jahrhunderts den Brauch, in den Kirchen oratorische Passionen aufzuführen. Opernhaft ging es auch in der Mainzer Kirche St. Bonifaz zu: Dort wurde Bachs Johannes-Passion in der Fassung von 1725 aufgeführt. Diese enthält im Vergleich zur Erstfassung unter anderem zwei eindrucksvolle Tenor-Arien, die als Aria furiosa der zeitgenössischen Oper entlehnt sind.

Die Kritik der „Adelichen Witwe” wirft aber heute noch ein anderes Problem auf: Wie weit darf man die Dramatisierung einer musikalischen Passion vorantreiben? Figuralchor, das Ensemble Mainzer Camerata Musicale und der Dirigent Stefan Weiler haben sich bis an die Grenze herangewagt. Geboten wurde eine durch und durch dramatisch gestaltete Passion. Der Evangelist (gesungen von dem amerikanischen Tenor Corby Welch) trieb die Handlung voran, stachelte auf, beschwor, flüsterte und schrie – alles auf einem musikalisch wie emotional kaum zu übertreffendem Niveau. Fast bösartig gestalteten der Mainzer Figuralchor die Turba-Chöre: Wie zischend kam das „Sei gegrüßet, lieber Judenkönig!”.

Ruhepunkte setzte der johanneisch-hoheitlich auftretende Christus (im Wortsinne „souverän” gesungen von Guido Heidloff) und die Sopranistin Cornelia Samuelis. Ihr gelang es, in der von Bach bewusst „langatmig” gestalteten Arie „Zerfließe, mein Herze, in Fluten der Zähren”, der Trauer über den Tod Jesu Raum zu geben.

Figuralchor-Leiter Stefan Weiler selbst setzte die Musik gestisch und mimisch um. Seine Leistung lediglich als Dirigat zu beschreiben, wäre eine Untertreibung. Suggestiv führte er Solisten, Chor und Orchester. Freilich rückte er dadurch allzu sehr in den Mittelpunkt der Aufführung. Fast schien es so, als gehe es in der Passion um den leidenden Dirigenten, nicht um den leidenden Gottessohn. Bei so viel Pathos besteht in der Tat die Gefahr, dass die musizierte Passion unfreiwillig zu einer „Opera-Comödie” wird. Jedenfalls konnten sich einige Zuschauer bei den Höhepunkten der Zurschaustellung des Leidens ein Lächeln nicht verkneifen.

Der Figuralchor agierte wie immer auf hohem Niveau, auch wenn hier – wie bei manchen Mainzer Chören – mehr Zurückhaltung, mehr Piano-Kultur wünschenswert wäre.

von Michael Fischer