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Eine reizvolle Alternative

Mainzer Rhein-Zeitung - Mittwoch, 16. April 2003

Figuralchor: Bachs „Johannespassion” in der Zweitfassung von 1725

MAINZ. Ein bisschen Schwund ist immer: Egal, für welche der verschiedenen Fassungen der „Johannespassion” Johann Sebastian Bachs sich ein Ensemble entscheidet, stets wird das Publikum – wenn es [nicht] nach einer CD-Aufnahme mit Appendix der Alternativfassungen greift – im Konzert auf die eine oder andere musikalische Kostbarkeit verzichten müssen.

Die Urfassung von 1724 wurde von Bach bereits ein Jahr später stark bearbeitet: Er tauschte die sprichwörtlich „herrliche” Eröffnung („Herr, unser Herrscher”) aus, außerdem fielen einige der Arien weg. Die neu hinzugefügten Passagen haben jedoch ebenso ihren Reiz, und so erstaunt es, dass diese zweite Fassung weitaus seltener gespielt wird als die erste.

Kurz vor Beginn der Karwoche bewies jetzt Stefan Weiler mit dem Mainzer Figuralchor, dass die Fassung von 1725 ein ähnlich intensives musikalisches Erlebnis bewirken kann wie die ursprüngliche Version – das zahlreich erschienene Publikum jedenfalls bedankte sich heftig applaudierend. In der Bonifaziuskirche gelang Weiler eine ungewöhnlich dramatische und emotional verdichtete Deutung der Johannespassion.

Keinen geringen Anteil hatte daran die Leistung des amerikanischen Tenors Corby Welch: Die Partie des Evangelisten gestaltete er mit enormer psychologischer Einfühlung, indem seine Rezitative die Erregung der dramatisch exponierten Stellen wunderbar nachvollzogen. Cornelia Samuelis' glockenheller, unaufgeregter Sopran verlieh dem emotionalen Höhepunkt der Passion („Zerfließe, mein Herze”), nur von samtig weichen Holzbläsern getragen, eine fast ätherische Wirkung.

Die einzige Schwachstelle innerhalb der gesanglichen Leistungen bildete Guido Heidloff als Christus (Bass): Seine Interpretation entwickelte nicht genügend Profil, über weite Strecken blieb er trotz der für die Partie gebotenen Demut zu farblos.

Abgesehen von einigen Ausrutschern harmonierte der Figuralchor prächtig mit den Instrumentalstimmen der Camerata Musicale. Herausragend etwa die nur in der zweiten Fassung existente Bass-Arie „Himmel, reiße, Welt, erbebe”: Hier erzeugte der Zusammenklang der hohen Tonlagen (Flöten, Sopranstimmen des Chores) mit den tiefen Lagen von Bassstimme und Kontrabass eine ganz eigentümliche musikalische Textur.

Die Choräle wurden vor allem voluminös und feierlich dargebracht. Weilers Deutung der Johannespassion vermochte alles in allem genau jenen emotionalen Austausch zwischen Musikern und Publikum herzustellen, der letztendlich nur bei einem Live-Auftritt entstehen kann.

von Oliver Mayer