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Barocker Bach in sibirischer Kälte
Allgemeine Zeitung Mainz - Mittwoch, 24. September 2003
Mainzer Figuralchor reist nach Krasnojarsk /Sechs Konzerte und Fortbildung
für junge Musiker
Zwei Termine sind es, die den in Drais lebenden Stefan Weiler zurzeit ganz
besonders beschäftigen: das 6. Bachwochenende (3. und 4. Oktober) und
der 21. Oktober – beide untrennbar verknüpft mit dem Mainzer Figuralchor,
als dessen Gründer der studierte Kirchenmusiker Weiler seit 1979 den
Taktstock führt.
Während jedoch das Bachwochenende tiefe Einblicke in die Kantaten 21
und 199 in der Mainzer Kirche St. Bonifaz geben wird, muss Weiler zur Wahrnehmung
des zweiten Termins die Koffer packen und sich auf Temperaturen von rund 20
Grad unter Null einstellen. Denn: Gemeinsam mit 33 weiteren Mitgliedern des
Figuralchors, vier Solisten (darunter die Mainzer Sopranistin Beate Heitzmann),
dem Hamburger Trompeter Eckhard Schmidt und einem Dirigenten macht sich Familienvater
Weiler auf nach Sibirien. Hier in Krasnojarsk, der mit mehr als 930.000 Einwohnern
drittgrößten Stadt Sibiriens („Sie liegt rund 1000 Kilometer
östlich von Novosibirsk”), wird Weiler auf alte Freunde, der Figuralchor
auf glühende Verehrer Johann Sebastian Bachs treffen. Krasnojarsk gilt
als bedeutendes Kulturzentrum und zeichnet sich, so Weiler, unter anderem
durch eine außergewöhnlich Gastfreundschaft aus.
Stefan Weiler muss es wissen, war er doch bereits vor Jahren mit der Bachakademie
Stuttgart, an der Weiler regelmäßig als Assistent von Professor
Helmut Rilling mit verschiedenen europäischen Ensembles arbeitet, zu
einer „Bachakademie” in der sibirischen Stadt. „Man spielt
dort auf einem Niveau, das keinesfalls schlechter ist als unseres – aber die
Hintergründe zur barocken Musik Bachs fehlen. Und deshalb wird Bach wie
Tschaikowsky gespielt”, weiß Weiler zu berichten.
Als im vergangenen Jahr die Stuttgarter aus Geldmangel alle Projekte strichen,
fuhr Weiler allein nach Krasnojarsk hielt dort einen Dirigierkurs ab und entschloss
sich, mit dem Mainzer Figuralchor die durch den Stuttgarter Ausstieg klaffende
Lücke zu schließen. Die finanziellen Voraussetzungen für die
Sibirienreise schufen das Goethe-Institut und der Förderverein Mainzer
Musikfreunde. Im Gepäck werden die Mainzer als Gastgeschenke zehn Bach-Partituren
in der Originalfassung haben. Sechs Konzerte wird der Mainzer Figuralchor
bei klirrender Sibirienkälte (Weiler: „Dank der geringen Luftfeuchtigkeit
fühlt es sich gar nicht so kalt an.”) geben. Die H-Moll-Messe steht
auf dem Programm, aber auch ein A-capella-Konzert mit Brahms-Liedern. Und
natürlich die Unterrichtung von Meisterklassen aus Krasnojarsk im Dirigieren
und Trompete spielen. Am 2. November werden die Mainzer Botschafter Bachs
am Rhein zurück erwartet.
von Bernd Funke
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