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Dirigieren lernen in Sibirien

Allgemeine Zeitung Mainz - Samstag, 27. Dezember 2003

Der Mainzer Musiker Stefan Weiler leitet seit drei Jahren die Bach-Akademie in Krasnojarsk

Die Begriffe Mainz, Sibirien, Barockmusik und Dirigieren bringt man nicht so leicht unter einen Hut. Eine Hilfestellung leistet hier der Dirigent Stefan Weiler, Dozent für Chorleitung am Bischöflichen Kirchenmusikalischen Institut in Speyer und Leiter des Mainzer Figuralchores: Seit drei Jahren ist er der Künstlerische Leiter der Bach-Akademie Krasnojarsk, fliegt einmal im Jahr ins ferne Sibirien, um dort mit Musikern und Studenten zu arbeiten.

Es ist ein kultureller Auftrag, den Weiler erfüllt. Der Impuls ging von der renommierten Internationalen Bach-Akademie in Stuttgart aus, die von Prof. Helmut Rilling, dessen Assistent Weiler ist, geleitet wird. Dort waren Vertreter des „Zentrums für internationale kulturelle Beziehungen” aus Krasnojarsk zu Gast. Und Weiler nutzte die Kontakte. 2003 nahm der Mainzer Figuralchor an der dritten Bach-Akademie teil. Nach Hause kam das Ensemble mit mannigfaltigen Eindrücken, neuen Bekanntschaften und interessanten Erfahrungen aus einem anderen Teil der Welt, aus Sibirien: „Die Studenten stammen aus einer anderen musikalischen Tradition”, sagt Weiler, der seinen Mainzer Chor vorher impfte: Russische Musik, das seien Peter Tschaikowsky, Modest Mussorgsky, Sergej Prokofjew oder Dmitri Schostakowitsch – aber eben kein Bach.
Probe Krasnojarsk
Umso erstaunter waren die Sänger vom Rhein während der ersten Probe zu Bachs h-Moll-Messe, die das Ensemble gemeinsam mit dem „Chor Akademia” aus Krasnojarsk und dem dortigen Sinfonieorchester aufführte: Man hörte fein ausgesungene Koloraturen und genaue Artikulation des lateinischen Messetextes – die russischen Kollegen hatten lange geübt und Bach verinnerlicht.

Nicht ganz so vertraut mit den barocken Klängen waren die Studenten der dortigen Hochschule. Hier bot Weiler einen Dirigierkurs an, an dessen Ende die Studierenden mit dem Mainzer Figuralchor und Sängern des Ensembles der Akademie die Bach-Kantate 21 in einem Gesprächskonzert aufführten. „Stefan Weiler ist sehr vertraut mit Bachs Musik, und es lohnt, sich mit ihm darin zu vertiefen”, berichtet Maria Markessian, eine von acht Dirigentinnen, die aus 25 Bewerbern ausgesucht wurde, am Dirigierkurs teilzunehmen: „Sich mit dieser Art der Musik zu beschäftigen, eröffnet ganz neue Horizonte: Man lernt die Hintergründe der Komposition kennen und bekommt ein Gefühl für die Sinnlichkeit barocker Musik.”

Andrej Maslov, Leiter des „Zentrums für internationale kulturelle Beziehungen” und Organisator der Bach-Akademien in Krasnojarsk, berichtet von einem wachsenden Interesse an Bachs Musik. Und Weiler weiß um seine Aufgabe: „Man kann dies durchaus als emotionale Entwicklungshilfe betrachten.” Freilich auf musikalischem Gebiet. Und Beobachtungen während der Konzerte geben ihm Recht: Da werden Handys – neben dem Auto mittlerweile das Statussymbol auch im fernen Sibirien – ausgeschaltet und junge Menschen sitzen gespannt auf der Stuhlkante, um den Klängen der h-Moll-Messe zu lauschen. Die Konzerte sind ausverkauft, die Zuhörer drängen sich zwischen den Sitzreihen, hocken auf dem Boden und stehen, wo kaum noch Platz ist. Mit den musikalischen Ergebnissen ist Stefan Weiler durchaus zufrieden: „In allen Bereichen ist eine große Entwicklung spürbar: das Interesse an den Kursen, die Beteiligung verschiedener Orchester und Chöre, das erreichte musikalische Niveau, das sich durchaus mit dem deutscher Oratorienchöre messen lassen kann.

Und warum Bach? „Seine Musik ist ein traditionsreiches deutsches Kulturgut und genießt weltweite Verbreitung.” Auch in Krasnojarsk steht er auf dem Stundenplan der Musikstudenten, wenn auch nur theoretisch. Stefan Weiler beschreibt sein Anliegen, das er mit den Bach-Akademien verwirklichen will, so: „Diese Veranstaltungen geben allen gute Möglichkeiten, gemeinsam Musik zu erlernen, dabei voranzukommen.” Das sei aber nur der rein künstlerische Aspekt: „Wenn es gelingt, die Menschen auch emotional zu gewinnen, sie zu bewegen, eigene Ideen gestalterisch und interpretatorisch umzusetzen, entsteht eine neue Art des Verstehens.”

Den viel strapazierten Begriff der Völkerverständigung gebraucht Weiler nicht. Auch, dass Musik eine internationale Sprache ist, wird hier als selbstverständlich vorausgesetzt. Dass der Mainzer Figuralchor mit in Krasnojarsk war, sieht Weiler auch für sich persönlich als Plus: „Ich kann nicht mit allen Menschen hier in Kontakt kommen. Die Sängerinnen und Sänger des Chores hatten dabei eine wichtige Multiplikatorenrolle.”

Mit fünf Konzerten bedankten sich Stefan Weiler und der Mainzer Figuralchor bei ihren Freunden aus Krasnojarsk, die sich rührend um ihre Gäste kümmerten. Die Organisation klappte wie am Schnürchen, die Freude am gegenseitigen Kennenlernen war auf beiden Seiten nicht nur an der Musik zu spüren.

An einem der vielen Abende, an denen man feierte und auf das Gelingen der Bach-Akademie und ihre Fortführung anstieß, wurden nach russischer Tradition Trinksprüche vorgetragen. Und der Brauch will es, dass der dritte stets auf die Liebe ausgesprochen wird. Weiler formulierte es nach einer gefeierten Aufführung von Brahms „Zigeunerliedern” mit der Pianistin Larissa Markessian so: „Ich trinke auf die gemeinsame Liebe zur Musik, wie wir sie hier erleben, und die Liebe und Offenherzigkeit der Menschen, mit der wir hier empfangen worden sind.” Einladungen wurden ausgesprochen, auf offizieller Ebene nach Krasnojarsk und auf privater nach Mainz. Das Büro des „Zentrums für internationale kulturelle Beziehungen” schmückt jetzt ein Faksimile einer Seite der Gutenberg-Bibel.

von Jan-Geert Wolff