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Klassisch-moderner Klanggenuss

Die Rheinpfalz - Dienstag, 15. Mai 2007

KIRCHHEIMBOLANDEN: Mainzer Figuralchor singt in der Paulskirche

Klassik und Gegnwartsmusik, das scheinen zunächst einmal unüberbrückbare musikalische Gegensätze. Fern jeder Vorstellungskraft, wenn beide dann sogar in einem Konzert gleichberechtigt nebeneinander Gottes Anfang, die Schöpfung, und sein Ziel, das ewige Leben, loben sollen. Gerade dies ist jedoch am Sonntag im Chor- und Orgelkonzert in der Paulskirche zum Auftagkt des Orgelsommers glanzvoll gelungen.

Vor kleiner Zuhörerkulisse widmeten sich der Mainzer Figuralchor unter der Leitung von Stefan Weiler und Martin Reitzig an der Orgel den Fragen nach dem Woher und Wohin anhand klassischer wie moderner Werke. Kirchenmusik ohne Johann Sebastian Bach ist nicht denkbar. Ungewöhnlich aber, dass die herrliche Gigue-Fuge G-Dur BWV 577 den Auftakt, nicht etwa den Höhepunkt dieses Konzertes bildete und mit ihren hellen, tänzerisch-leichten Klängen den Boden für das Folgende bereitete.

Darauf fußend, zollte der Mainzer Figuralchor zunächst stimmungsvoll und a-cappella dem menschgewordenen Gott auf Erden, Jesus Christus, mit vier Stücken aus den Advent--Motteten Josef Gabriel Rheinbergers Tribut. Durch die einfühlsame Interpretation der Stücke, verbunden mit feinster Stimmführung, gelang es dem Ensemble, auch für die nachösterliche Zeit die alttestamentarischen Messiasverheißungen fruchtbar zu machen. Diese gipfelten im „Ave Maria”, das in dichter Atmosphäre die Themen „Geburt”und „Tod”ineinander vereinte.

Reitzig verwies dann mit den beiden intensiven, verschachtelten Choralvorspielen „Warum sollt ich mich denn grämen” und „Komm, o komm, du Geist des Lebens” aus der Feder von Max Reger auf den ersten Höhepunkt des Konzerts: „Im Anfang”, ein zeitgenössisches Werk des deutschen Komponisten Günter Bialas für sechsstimmigen Chor als musikalische Vertonung der Schaffung der Welt in sieben Tagen. Das gewaltige Chorwerk verwob effektvoll die liturgische Sprache der Schöpfungsgeschichte, orientiert an der klingenden Übertragung von Martin Buber, mit den dynamischen Klangbewegungen der einzelnen Stimmen.

Gepaart mit den immer wiederkehrenden Echostimmen zeigten die gut intonierten und prononcierten Stimmen insbesondere bei den kontrastreichen Passagen der Schaffung von Licht und Finsternis Höchstleistungen. Die das Wimmeln der Fische im Wasser nachahmenden Koloraturen zum „Fünften Tag ”waren dabei ebenso bemerkenswert wie die unisono vorgetragene Schlusssequenz, die in den Worten „ihr Erschaffensein” das Ende des Weltschöpfungsaktes verkündete.

Kaum war die Sangesfreude über den gelungenen Schöpfungsakt verklungen, setzte Reitzig mit den beiden kraftvoll-mächtigen Choralvorspielen „Wer nur den lieben Gott lässt walten” und „Lobe den Herren, den mächtigen König” schon den klassischen Kontrapunkt mit der Zusage von Gottes Gnade im Tode. Die Antwort der musikalischen Moderne auf die menschliche Angst vor dem Tode ließ nicht lange auf sich warten: Das visionäre Werk „Lux aeterna” des erst kürzlich verstorbenen ungarischen Komponisten Györgi Ligeti schuf eine unbeschreibliche Atmosphäre in der Paulskirche. Das 16-stimmige Choralwerk schien wie gemacht für den Figuralchor, der – schier unsichtbar von der Empore oberhalb der Fürstenloge herab – mit den ineinanderfließenden Rhythmen und Harmonien der Einzelstimmen im Kirchenraum einen säuselnden Klangteppich erschuf, dessen Faszination von den sich ständig ändernden Tonfarben ausging.

Die komplizierte Kanonstruktur der unaufhörlich bewegten Ruhe zauberte damit das im Titel verheißene ewige Licht in seinen ganzen aufflackernden Erscheinungsformen. So harrten denn auch die Zuhörer nach Verklingen des letzten Taktes zunächst noch eine Zeit in andächtiger Stille, bevor lang anhaltender Beifall mit stehenden Ovationen dem Chor Dank für dieses außergewöhnliche Klangerlebnis aussprach.

von Sven Günther