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Der Tod forderte in St. Bonifaz zum Tanz auf

Mainzer Rhein-Zeitung - Montag, 29. September 2008

Mainzer Figuralchor eröffnete seine Saison mit Werken von Lechner und Distler — Erfrischendes Konzert ohne Schwermut

MAINZ. Wer vom leibhaftigen Tod zum Tanz aufgefordert wird, den erwartet alles andere als ein geselliger Ringelpiez: Die Legende vom Totentanz erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens und an das Jüngste Gericht. Dem Programm des Mainzer Figuralchors in der Kirche St. Bonifaz lag somit eine sehr mahnende Botschaft zugrunde: Memento Mori — Gedenke des Todes. Erfreulicherweise jedoch kontrastierte die farbige Bildhaftigkeit des Gesangs, der unter der Leitung von Stefan Weiler erklang, die düstere Thematik.

Leider kamen zu Leonhard Lechners (1553-1606) „Deutschen Sprüchen von Leben und Tod” und Hugo Distlers (1908-1942) „Totentanz” nur wenige Zuhörer. Der Figuralchor litt an dem altbekannten Phänomen, für ein eher selten gesungenes Programm nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu erhalten. Dennoch war es lohnenswert, die Musik der beiden Komponisten aus zwei völlig unterschiedlichen Epochen zu würdigen. Denn die musikalische Umsetzung gestaltete sich vor allem im „Totentanz” durchaus anspruchsvoll.

Im Wechsel mit dem Chor, der 1979 gegründet wurde und in kammermusikalischer Besetzung auftritt, las Werner Huck Strophen aus dem Lübecker Totentanz von 1463. Die Sänger intonierten dazwischen die 14 kurzen, musikalisch kontrastiven Stücke des „Totentanzes” stets mit Präzision und sicherer Artikulation. Distler, der heute als Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik gilt, komponierte die Musik in starker Abhängigkeit vom Text. Mit Inbrunst und Besonnenheit führte Weiler den Chor durch dynamische Wechsel und stellenweise aufflackernde harmonische Eigentümlichkeiten. Erfreulich war die gute Textverständlichkeit dank der ausgewogenen Stimmen.

Lechners einführende, aus kurzen Strophen bestehende Komposition zu den „Deutschen Sprüchen von Leben und Tod” wurde gefühlvoll und stilsicher interpretiert. Das imitatorisch strikt durchgearbeitete Werk des weitgehend unbekannten Südtirolers, das 1606 erstmals erschien, war auch musikalisches Vorbild für Distlers „Totentanzes”. Mit beschwingter Leichtigkeit ließ das Ensemble stellenweise die latente Ironie erklingen, die die 15 Sprüche vermitteln („Was jetzt im Laufen, liegt bald zu Haufen, das kann sich schicken, all' Augenblicken.”). So bot der Figuralchor einen klanglich erfrischenden, mitnichten schwermütigen Abend.

Julia Schumacher