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Bach als asketischer Klang-ÄsthetDie Rheinpfalz - Donnerstag, 18. Dezember 2008Mainzer Figuralchor mit drei Kantaten aus dem Weihnachtsoratorium in St. Ludwig: Kraft der Aussage verliert sich in filigraner kammermusikalischer DeutungFRANKENTHAL - Der mehrfach preisgekrönte Mainzer Figuralchor und seine Camerata Musicale gastierten am dritten Adventssonntag wieder einmal in der Frankenthaler St.-Ludwig-Kirche mit den drei Kantaten „Verkündigung”, „Die Hirten auf dem Felde” und „Namengebung Jesu” aus Johann Sebastian Bachs sechsteiligem Weihnachtsoratorium. Leiter Stefan Weiler hatte die Ausführenden, zu denen als Solisten Beate Heitzmann (Sopran), Carolin Masur (Alt), Ulrich Müller-Adam (Tenor), Florian Schmitt-Bohn (Bass) und Ina Rössler an der Orgel gehörten, optimal auf eine völlig kammermusikalisch ausgerichtete Interpretation vorbereitet. Ohne grandiose Klang-Ekstasen, mit gebändigter Freude und verhaltenem Jubel wurde gesungen und musiziert: wohltuend transparent, klanghomogen, rhythmisch akzentuiert und enorm tonschön.
Der Dirigent, der um jeden Einsatz besorgt war, schlug ein straffes, freudig vorwärtsdrängendes Tempo vor, forderte die Mitwirkenden zu einem emphatischen Musizierstil heraus, der an technischer Bravour kaum zu überbieten war, und erreichte damit eine Klangkultur und ruhevolle Kraft, die eine musikalische Welt scheinbar im Lot beließ. Und trotz oder sogar wegen dieser filigranen Deutungen konnte doch manches Anliegen des Komponisten nicht zufriedenstellend verwirklicht werden, ja büßte die Kraft der musikalischen Aussage ein, weil es zu belanglos wirkte. Bach war alles andere als ein asketischer Klang-Ästhet. Sein Bemühen, die Stereotypie der zeitüblichen Kantatenform zu durchbrechen, führte ihn zum Oratorium. Dort erlaubt eine stärkere Betonung der Handlung aus dem Evangelientext eine individuellere Gestaltung und macht die zeitlose Verkündigungskraft des Komponisten besser erlebbar. Bereits in den ersten Worten des Weihnachtsoratoriums — „Jauchzet, frohlocket" — klingt überschäumende Freude an. Das Hauptthema des festlich jubelnden, von schmetternden Trompeten überglänzten D-Dur-Chors entwickelt sich zu ausgelassener Fröhlichkeit. Hier konnte man sich noch durch den ungeheueren Schwung des kammermusikalischen Feinschliffs entzücken lassen. Auch die Choräle atmeten Innigkeit, zarte Verhaltenheit oder waren kraftvoll wie im freudigen „Brich an, du schönes Morgenlicht”. Aber schon im eigentlichen Höhepunkt der Kantate Nr. 2, dem großen Chor „Ehre sei Gott in der Höhe”, schien der Jubel allzu gezügelt, der Schlusschoral wirkte sogar etwas statisch. Die konstant verfolgte kostbare kammermusikalische Lesart wirkte sich zuweilen auch negativ bei den Rezitativen und Arien der Solisten aus. Ulrich Müller-Adam war mit dem Bericht des Evangelisten betraut. Seine weiche, in der Höhe nicht immer makellose Tenorstimme war in der von Flöten-Passagen umspielten beschwingten Hirten-Arie etwas unausgeglichen, hatte auch ihre liebe Not mit dem Koloraturen-Reichtum. In seiner letzten, einer großartigen d-moll-Arie, war er sogar teils kaum mehr zu hören. Auch die recht dünnhäutige und etwas glanzlose Sopranstimme von Beate Heitzmann konnte in der Echo-Arie der Kantate Nr. 4 nicht befriedigen. Dagegen überzeugten die tiefen Solostimmen, auch wenn ihnen ein technisch brillantes, aber doch recht gefühlsarmes Korsett verpasst wurde. Die Altistin Carolin Masur verfügt über eine warme, erlesen timbrierte, in Mittellagen und Höhen voluminöse Stimme. Ihr zärtlicher Wiegengesang „Schlafe, mein Liebster” wurde zu einem anrührenden Höhepunkt der Aufführung. Florian Schmitt-Bohn setzte einen angenehm klingenden, edel getönten Bass ein, der aber leider in seiner stolzen und machtvollen, vom virtuosen Trompeten-Solo umspielten Arie „Großer Herr, o starker König” in kammermusikalischer Schönheit ertrank. Man vermisste schmerzlich die gewohnten kraftvollen Synkopierungen und die energische Dreiklang-Melodik. Alle orchestralen Soli waren ausnahmslos von makelloser Schönheit. Etwas mehr Herzhaftigkeit hätte man der sehr zart und schwerelos musizierten „Sinfonia” zur Kantate Nr. 2 gewünscht. Zwei kleine Orchester spielen hier ihre Weisen — dort Flöten und Geigen, hier ein Chor von Oboen bei der Schilderung der einfachen, halb erschreckten, halb glückselig aufgeregten Hirten auf dem Felde. Bach verlangt hier zwei verdoppelte Oboen. Vielleicht trug die nur einfach besetzte Oboen-Gruppe dazu bei, dass von dem erdhaft-starken Element des Stücks wenig zu spüren war. Lothar Messmer
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